Kinder auf ihrem Weg begleiten
Anne Dinwoodie ist Erziehungswissenschaftlerin, hat Jüdische Studien studiert – und arbeitet heute als Erzieherin in der katholischen Kita St. Thomas Morus in Rostock. Ihr Weg dorthin war alles andere als geplant. Heute sagt sie: Die Arbeit mit Kindern ist für sie mehr als ein Beruf. Sie ist Berufung.
Über Umwege am richtigen Ort angekommen
Geradlinig war ihr Weg in die Kita nicht. Anne Dinwoodie studierte Erziehungswissenschaften und Jüdische Studien. Nach dem Studium gründete sie eine Familie. Zur Kita St. Thomas Morus in Rostock kam sie zunächst nicht als Mitarbeiterin, sondern als Mutter.
Ihr Sohn hatte in seiner vorherigen Kita Schwierigkeiten und brauchte Unterstützung. Auf der Suche nach einer anderen Einrichtung fand die Familie schließlich einen Platz in St. Thomas Morus. Anne Dinwoodie begleitete ihren Sohn bei der Eingewöhnung – und lernte dabei die Menschen, die pädagogische Arbeit und das Konzept des Hauses kennen. Die Erfahrung, wie ihrem Sohn dort begegnet und geholfen wurde, hat sie nachhaltig geprägt.
„Ich durfte an diesem wundervollen Ort ankommen.“
Aus dem Ankommen wurde ein Bleiben: Die Leitung sprach sie während der Eingewöhnung an und fragte, ob sie sich vorstellen könne, selbst in der Kita mitzuarbeiten. Heute ist Anne Dinwoodie seit vier Jahren als Erzieherin dort tätig.
Mehr als ein Beruf
Dass ausgerechnet dieser Weg einmal ihre Berufung werden würde, war nicht geplant. Heute beschreibt Anne Dinwoodie ihre Arbeit mit den Kindern als bereichernd und erfüllend.
„Die Arbeit mit diesen wundervollen kleinen Menschen ist tatsächlich Berufung.“
Für sie bedeutet die Arbeit, Entwicklung unmittelbar miterleben zu dürfen: Kinder wachsen zu sehen, ihre Fragen wahrzunehmen, gemeinsam Antworten zu finden und Werte weiterzugeben. Gleichzeitig geht es um etwas sehr Alltägliches – gemeinsam Erfahrungen zu machen und Freude zu teilen.
„Es ist ein Beobachten von Wachstum“, sagt sie. Und genau darin liegt für sie ein besonderer Reiz ihres Berufs: Kinder entwickeln sich nicht einfach nach einem vorgegebenen Plan. Sie entdecken, probieren aus, scheitern, versuchen es noch einmal – und finden ihren eigenen Weg.
Freiraum zum Entdecken
Die Kita St. Thomas Morus arbeitet als offenes Haus. Die Kinder können ihren Tag weitgehend nach ihren Interessen und Vorlieben gestalten. Sie suchen sich Orte und Beschäftigungen, bringen ihre Fragen mit und werden dabei von den Erzieherinnen und Erziehern begleitet.
Für Anne Dinwoodie bedeutet das auch, genau hinzuschauen: Was beschäftigt ein Kind gerade? Was möchte es lernen? Wo braucht es Unterstützung – und wo vielleicht einfach den Freiraum, selbst eine Lösung zu finden?
Neben religionspädagogischen Angeboten, gemeinsamen Büchern und Themen oder der Arbeit mit den Vorschulkindern bleibt deshalb viel Raum für selbstbestimmtes Lernen. Gerade dabei beobachtet Dinwoodie immer wieder, wie Kinder Fähigkeiten entwickeln, die Erwachsene ihnen kaum auf dieselbe Weise vermitteln könnten.
Offene Hände, offene Ohren, offene Herzen
Jedes Kind ist anders. Darin sieht Anne Dinwoodie zugleich eine der größten Herausforderungen und eine der größten Chancen ihrer Arbeit.
„Was braucht dieses Kind?“
Diese Frage steht für sie im Mittelpunkt. Um sie beantworten zu können, brauche es „viele offene Hände und offene Herzen und offene Ohren“. Und es brauche ein gutes Team, das zusammenarbeitet – untereinander, mit den Eltern und bei Bedarf auch mit anderen unterstützenden Einrichtungen.
Es geht also nicht darum, allen Kindern dasselbe anzubieten. Sondern darum, jedes einzelne wahrzunehmen und zu schauen, welche Begleitung es gerade braucht.
Katholisch und offen für alle
St. Thomas Morus ist eine katholische Kita. Das prägt den Alltag und das Miteinander – bedeutet aber nicht, dass dort ausschließlich katholische oder christliche Familien willkommen sind.
„Unser Haus ist ein offenes Haus für alle Religionen, Herkünfte und Kulturen.“
Die Einrichtung lebe ihr katholisches Profil „stolz und offen“, sagt Anne Dinwoodie. Gemeinsam werden die christlichen Feste im Jahreslauf erlebt und gefeiert. Gleichzeitig besuchen auch Kinder die Kita, deren Familien kaum Berührungspunkte mit dem christlichen Glauben haben. Auch muslimische Kinder und Familien seien selbstverständlich herzlich willkommen.
Das katholische Profil versteht Dinwoodie damit nicht als Abgrenzung, sondern als Einladung: den eigenen Glauben sichtbar leben und zugleich offen sein für Menschen mit unterschiedlichen Geschichten, Kulturen und Religionen.
Es sind die kleinen Momente
Was motiviert sie nach vier Jahren noch immer? Anne Dinwoodie muss dafür nicht lange nach den großen Erfolgsgeschichten suchen. Es sind vielmehr die kleinen Augenblicke des Kita-Alltags.
Wenn ein Kind etwas zum ersten Mal wagt. Wenn es über sich hinauswächst. Wenn es zum ersten Mal laut „Stopp“ oder „Nein“ sagt. Wenn es sich traut, vom Beckenrand zu springen. Oder wenn ein zurückhaltendes Kind plötzlich den Mut findet, im Kreis vor den anderen etwas zu erzählen.
„Diese kleinen Momente, die motivieren mich.“
Dann erlebt Dinwoodie unmittelbar, was ihre Arbeit bewirken kann: Kindern einen Ort zu geben, an dem sie willkommen sind, Unterstützung erfahren und sich ausprobieren können – „ein offenes, liebevolles Haus, in dem sie wachsen dürfen und so sein dürfen, wie sie sind“.
Gäste, die nach dem Weg fragen
Einen Gedanken trägt Anne Dinwoodie besonders mit sich: Kinder seien „Gäste, die nach dem Weg fragen“. Ein Satz, der für sie viel mit ihrer Haltung als Erzieherin zu tun hat.
Denn auch Erwachsene kennen nicht immer den nächsten richtigen Schritt. Begleitung bedeutet deshalb nicht, auf alles schon eine fertige Antwort zu haben. Es bedeutet, gemeinsam nach einem guten Weg zu suchen.
„Zusammen können wir gute Wege gehen.“
Kinder wachsen zu sehen und sie dabei ein Stück begleiten zu dürfen, empfindet Dinwoodie als „ein großes Geschenk und ein großes Privileg“.
Im Kleinen Zukunft gestalten
Für Anne Dinwoodie reicht die Bedeutung ihres Berufs weit über den Kita-Alltag hinaus. Begriffe wie Partizipation, Teilhabe und Demokratie mögen groß klingen – gelebt und gelernt werden sie schon im Kleinen.
In der Kita erfahren Kinder, dass ihre Stimme zählt. Sie erleben Gemeinschaft, lernen, eigene Bedürfnisse auszudrücken und die anderer wahrzunehmen. Eine offene, liebevolle und wertschätzende Haltung gegenüber Kindern legt damit auch Grundlagen für das gesellschaftliche Zusammenleben.
„Wir gestalten so das Miteinander von morgen und das Miteinander der Zukunft.“
Genau das macht den Beruf für Anne Dinwoodie so wertvoll: Kinder nicht nur zu betreuen, sondern sie ein Stück auf ihrem Weg ins Leben begleiten zu dürfen.
